Weißrussische Wehrsportgruppen frönen großrussischen Phantasien

Weißrussische Wehrsportgruppen frönen großrussischen Phantasien

Die weißrussische Zeitung Nascha Niwa berichtete am Dienstag über so genannte „orthodoxe militär-patriotische Klubs“. Insgesamt 14 solcher Klubs gibt es übers ganze Land verstreut. Ein Zentrum bildet jedoch die Oblast Hrodna an der polnischen Grenze, wo allein fünf solcher Vereine ansässig sind.

Wie Arzjom Harbazewitsch (Artjom Garbazewitsch), der Autor des Beitrags, schreibt, werden in diesen Gruppen vor allem „schwierige, aggressive Minderjährige“ aufgenommen. Sie werden dort im Nahkampf ausgebildet, man bringt ihnen das Schießen mit Pistolen und MPis bei. Erste Hilfe und die Grundlagen des Überlebens in der Natur stehen ebenso auf dem „Lehrplan“ wie Gespräche über Religion. Ein bis zweimal im Monat wird das Gelernte dem Praxistest unterzogen. Dann gehen die Jugendlichen mit ihren Instruktoren in den Wald und spielen mit Softairwaffen und Übungsgranaten Krieg.

Harbazewitsch hat die Postings einiger der Protagonisten im russischen Facebook-Abklatsch VK.com studiert. Sie sind geprägt von Nationalismus, jedoch nicht etwa einem weißrussischen Nationalismus, sondern von einem großrussischen Nationalismus, der die Wiederkehr eines auch Weißrussland beinhaltenden Zentralstaates auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion herbeisehnt.

Kriegsspiele

Kriegsspiele bei Hrodna
(Quelle: kazak.by)

Die in der VK-Gruppe mit dem vielsagenden Namen „Weißrussland – Russlands nordwestliches Grenzgebiet“ veröffentlichten Texte sind voll von Hass auf das eigene Land. Zur weißrussischen Sprache fragt dort jemand: „Verwendet überhaupt jemand diese „belarussische“ Scheiße“?“ Worauf er die Antwort bekommt: „Dieses von den Polen verdorbene Russisch? Niemals!“ Der Journalist resümiert, die Verfasser dieser Zeilen seien „potentielle Separatisten, die das auch nicht verheimlichen.“

Auf den Fotos der „orthodoxen militär-patriotischen Klubs“ im Gebiet Hrodna entdeckte er unter den Erwachsenen zwei Offiziere der weißrussischen Miliz – Angestellte des Staates, die sich in einer Organisation engagieren, die für jedermann erkennbar die Beseitigung eben dieses Staates herbeisehnt.

Verstörend ist auch die Rolle der Kirche. Die „orthoxen“ Wehrsportgruppen können im Hrodnaer Gebiet jeweils einer Gemeinde zugeordnet werden. Harbazewitsch fragt dazu:

Wir sind ein friedliebendes, ruhiges Land. Die Orthodoxie ist keinerlei Bedrohungen ausgesetzt. Im Lande gab es schon seit hunderten von Jahren keinen religiösen Hass mehr. Wofür brauchen die Orthodoxen also eine paramilitärische Ausbildung?

Der Erzpriester Jauhen Pawjaltschuk (Jewgeni Paweltschuk) ist selbst Gründer zweier solcher „Klubs“. Von Nascha Niwa mit der Tatsache konfrontiert, dass dort offenbar einer großrussischen, imperialen Ideologie gefrönt wird, bezichtigt der Gottesmann die Journalisten der Lüge. Man bilde schlicht „gläubige Bürger Weißrusslands“ heran, so Pawjaltschuk.

Die Realität sieht indessen anders aus. Auf der Internetseite der Klubs „Slawjane“ und „Druschina“, die von zwei Angehörigen der Miliz geleitet werden, wird offen für die rechtsradikale Organisation „Russische Nationale Einheit“ (russ. „Russkoje nazionalnoje jedinstwo“) geworben, die Freiwillige zur „Verteidigung der Russen auf dem Gebiet der ehemaligen (!) Ukraine“ anwirbt.

Kein Wunder, dass Journalist Harbazewitsch mit Blick auf das Nachbarland eine große Gefahr in den weißrussischen Wehrsportgruppen sieht:

Wenn weißrussische Kinder im Alter von zehn Jahren Instruktoren zur „Erziehung“ überlassen werden, die die Weißrussen nicht als Nation anerkennen, die eine Auflösung Weißrusslands als Staat begrüßen würden – was ist das dann, wenn nicht eine tickende Zeitbombe?

Quelle: Nascha Niwa

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