Geschichte im Weichzeichner: Patriarch Kyrill ruft zu "nüchterner" Bewertung der Stalinzeit auf

Geschichte im Weichzeichner: Patriarch Kyrill ruft zu „nüchterner“ Bewertung der Stalinzeit auf

Der Patriarch „von Moskau und der ganzen Rus“, Kyrill I., sorgte dieser Tage mit einer Rede einmal mehr für Augenrollen bei liberal eingestellten Russen. Bei der Eröffnung einer Ausstellung der Geschichte der russischen Orthodoxie von 1914 bis 1945, Untertitel: „Von großen Erschütterungen zum Großen Sieg“, rief er dazu auf, die sowjetische Epoche der russischen Geschichte „nüchtern“ zu bewerten. Man solle die Erfolge historischer Staatsführer nicht in Zweifel ziehen, auch wenn diese Verbrechen begangen hätten.

Es gäbe das heutige Russland nicht, wenn es nicht die Heldentaten der vorangegangenen Generationen gegeben hätte, die in den 20er und 30er Jahren nicht einfach nur die Äcker bestellten – obwohl auch das wichtig war -, sondern auch die Industrie geschaffen haben, die Wissenschaft und die Verteidigungsmacht unseres Landes. (…) Dort, wo Wille, Kraft, Intellekt, politische Entschlossenheit an den Tag gelegt wurden, sagen wir: ja, es gibt offensichtliche Erfolge, wie auch im Falle des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg, aber dort, wo es Blut, Ungerechtigkeit und Leiden gab, sagen wir, dass das für uns als Menschen des 21. Jahrhunderts inakzeptabel ist. (…) Wir identifizieren uns nicht mit diesen blutigen Seiten, wir überlassen diese historischen Persönlichkeiten dem Urteil Gottes, niemals aber darf das Negative als Rechtfertigung dienen, all das Positive auszuschließen, das getan wurde, wie das Positive, das von diesen oder jenen Personen getan wurde, ein kritisches Verhältnis zu den Verbrechen, die von eben diesen Menschen begangen wurde, nicht ausschließen darf.

Ferner sagte der Patriarch, er hoffe, die Ausstellung helfe,

die ganze Schönheit der Heldentaten unseres Volkes in den 20er, 30er und 40er Jahren zu begreifen, auch die schwierigen Seiten zu sehen und zu verstehen: um das Vaterland zu lieben, muss man aus dem historischen Gedächtnis keine der historischen Epochen ausschließen, aber man muss sie mit einem gesunden Menschenverstand wahrnehmen und mit einem reinen Empfinden für Moral, und dann wir die Wahrheit von der Lüge gelöst und das Gute vom Bösen.

Der Versuch, fein säuberlich „Heldentaten“ und „Verbrechen“ der Stalinzeit voneinander zu trennen, ist mehr als zweifelhaft. Denn die „Heldentaten“ die dem Patriarchen da vorschweben mögen, sind doch untrennbar mit den Stalinschen „Verbrechen“ verbunden: Sie wurden zu großen Teilen mit Gewalt, genauer gesagt durch Zwangsarbeit, erreicht. Bekanntestes Beispiel dafür ist der Bau des berüchtigten Weißmeer-Ostsee-Kanals, bei dem Zehntausende Zwangsarbeiter eingesetzt wurden und Zehntausende Arbeiter ums Leben kamen. Ohne all diese bemitleidenswerten Menschen, die der Kirchenmann in seiner Rede nicht erwähnt, hätte doch alle „politische Entschlossenheit“ Stalins, die er für erwähnenswert hält, nichts genutzt.

Und wenn Kyrill von der Schaffung der russischen „Verteidigungsmacht“ in den 20er und 30er Jahren spricht, kommt einem gleich etwas in den Sinn, was in Russland heute nicht mehr gern gehört, unter Historikern aber lange schon als ausgemacht gilt: Dass es nämlich eben Stalins Säuberungspolitik war, die die Rote Armee massiv schwächte und so den rasanten Vormarsch der deutschen Wehrmacht ab 1941 erst möglich gemacht hat. In den Jahren des Großen Terrors von 1936 bis 1938 sollen so etwa mehr Generäle ums Leben gekommen sein, als im Verlauf des gesamten Zweiten Weltkriegs – und nebenbei bemerkt auch etwa 80% des Episkopats von Kyrills Russisch-Orthodoxer Kirche.

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Patriarch Kyrill I. von Moskau und der gesamten Rus
(Quelle: www.kremlin.ru)

Seltsam auch die Behauptung, die Verbrechen der Stalin-Zeit seien „für uns als Menschen des 21. Jahrhunderts inakzeptabel“. Waren sie dann für Stalins Zeitgenossen, die Menschen der 20er bis 50er Jahre des 20. Jahrhunderts, akzeptabel? Man könnte meinen, der Patriarch spreche nicht über einen der schlimmsten Diktatoren des vergangenen Jahrhunderts. Einen solch milden Blick auf die Verbrechen eines historischen Staatsführers, nach dem Motto „war eben eine andere Zeit“, würde man allenfalls für einen Zaren aus den Tiefen der russischen Geschichte durchgehen lassen.

Auf grani.ru weist Nikolai Mitrochin in einem Kommentar darauf hin, dass Kyrill seine Rede vor der politischen Elite des Landes gehalten habe. Neben Präsident Putin waren u. a. auch sein Administrationschef und Ex-Verteidigungsminister Sergei Iwanow und Moskaus Bürgermeister Sergei Sobjanin bei der Ausstellungseröffnung zugegen. Kyrill, so Mitrochin, habe eben jenes Geschichtsbild wiedergegeben, wie es sich diese politische Elite in den vergangenen Jahren zurechtgelegt habe: „Der gute Tschekist foltert den guten Gefangenen, aber beide lieben ihr Vaterland.“

Bei all diesem Relativismus lässt der Umgang der russischen Staatsführung mit der Vergangenheitsbewältigung jedoch keine Zweifel offen, dass am Ende dem „guten Tschekisten“ der Vorzug gegeben wird. Das zeigt etwa die Umgestaltung des Straflager-Museums Perm 36. Seit der Neueröffnung 2015 liegt der Fokus der dortigen Ausstellung nicht mehr auf der Erinnerung an das Unrecht des GULag-Systems. Besucher erfahren heute nicht mehr, dass viele der Häftlinge völlig unschuldig ins Lager kamen. Stattdessen erzählt man die Stalinschen Legenden wieder und behauptet, alle Insassen seien Kriminelle, Saboteure oder Spione gewesen. Nicht mehr das Elend der Zwangsarbeit wird hervorgehoben, sondern deren Beitrag zum Sieg über Hitler. Stalin zu beurteilen, so sagte die Museumsdirektorin einmal, sei „nicht politisch korrekt“ – ganz im Sinne des Moskauer Patriarchen.

Quellen: NEWSru.com, grani.ru, FAZ

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