Russland-China: Grenzkorrekturen lösen Shitstorm im chinesischen Internet aus

Russland-China: Grenzkorrekturen lösen Shitstorm im chinesischen Internet aus

Mit einer feierlichen Zeremonie haben Russland und China in der vergangenen Woche eine Korrektur der gemeinsamen Grenze begangen, durch die China auf Kosten Russlands um 4,7 qkm gewachsen ist. Ein entsprechender Bericht in Chinas Medien über diese „Rückgabe“ von Land stieß bei den Bürgern im bevölkerungsreichsten Land der Welt jedoch nicht etwa auf positive Resonanz, sondern löste einen ausgewachsenen Shitstorm aus. Zehntausende User warfen der Pekinger Regierung vor, versagt zu haben. Diese hätte von Moskau die „Rückgabe aller verlorenen Territorien“ fordern müssen.

Chinesisch-russische Grenze

Ein Zug passiert die chinesisch-russische Grenze nahe der Stadt Manjur
(Quelle: Wikimedia Commons / Jack No1)

China hatte im 19. Jahrhundert auf Grundlage mehrerer Verträge die Herrschaft über das Gebiet nördlich und östlich der Mandschurei an das russische Zarenreich abgetreten. Aus heutiger Sicht werden diese Übereinkünfte als sogenannte „Ungleiche Verträge“ bezeichnet, weil sie dem in dieser Phase wirtschaftlich und militärisch geschwächten China von den europäischen Kolonialmächten sowie Japan und den USA aufgezwungen wurden. Auch im 20. Jahrhundert arbeitete die russische und später die sowjetische Regierung weiter an einer Eindämmung des chinesischen Herrschaftsbereichs, indem sie die Unabhängigkeitsbestrebungen der Mongolen unterstützte.

In seinem Artikel für die Washington Times beschreibt Miles Yu die Empörung der chinesischen Netzgemeinde als Resultat „jahrzehntelanger politischer Indoktrination“ durch die Kommunistische Partei. Im Rahmen sogenannter „Patriotismus-Erziehung“ sei Generationen von Schülern beigebracht worden, Russland habe über 1,5 Millionen Quadratkilometer Land von China gestohlen. Wenn viele Chinesen Berichte über eine „Rückgabe“ von 4,7 qkm als schlechten Scherz empfinden, so ist das vor diesem Hintergrund durchaus nachvollziehbar.

In Russland sorgten Berichte über die Forderungen chinesischer Internet-User ihrerseits für Empörung bei nationalistisch gesinnten Russen (von denen es bekanntlich immer mehr gibt). Moskau sah sich genötigt, territoriale Zugeständnisse an den südlichen Nachbarn für die Zukunft kategorisch auszuschließen.

Und wohl aus Angst um das in letzter Zeit häufig beschworene, neue russisch-chinesische Bündnis sah auch Peking Handlungsbedarf: die gut geölte Zensurmaschinerie löschte sämtliche Berichte und User-Kommentare zum Thema und ließ die von ihr kontrollierten Medien behaupten, die ursprüngliche Meldung über die Rückgabe von 4,7 qkm Land sei ein „Missverständnis“ gewesen.

Grenzstreitigkeiten hatten übrigens 1969 zu Scharmützeln am Ussuri-Fluss und beinahe zu einem ausgewachsenen militärischen Konflikt zwischen beiden damals noch kommunistischen Großmächten geführt.

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