Russland und der IS: erst gefördert, dann gefürchtet

Russland und der IS: erst gefördert, dann gefürchtet

Die New York Times berichtet in einem Artikel vom Freitag über das wachsende Unbehagen in Moskau über Verbindungen zwischen dem „Islamischen Staat“ und islamistischen Extremisten im Nordkaukasus. Ähnlich den schlecht integrierten muslimischen Gemeinschaften in Westeuropa dient die Unruheregion in Russlands Süden als Rekrutierungsbasis für die Terrororganisation in Syrien und Irak.

Syrien-Intervention sorgt für Unmut im Nordkaukasus

Antiterrormaßnahme in Machatschkala

Dagestan: Russische Spezialkräfte im Anti-Terror-Einsatz
(Quelle: RIA Novosti archive, image #835340 / CC-BY-SA 3.0)

Unter den schätzungsweise 7.000 IS-Kämpfern aus der gesamten ehemaligen Sowjetunion sollen allein etwa 2.000 aus Russlands Kaukasusprovinzen stammen. Die Unzufriedenheit mit Moskaus strenger und oft von Willkür geprägter Sicherheitspolitik in der Region nutzen die Islamisten aus, um neue Anhänger zu gewinnen. Der Zorn von Teilen der Bevölkerung auf die Zentralregierung wurde durch die Syrien-Intervention zudem noch einmal angefacht. Denn die kaukasischen Sunniten solidarisieren sich mit ihren Glaubensbrüdern im Nahen Osten, die vom schiitischen Präsidenten Assad – neuerdings mit russischer Hilfe – bekämpft werden.

Wie der mutmaßliche Anschlag auf das Passagierflugzeug über dem Sinai zeigt, rückt Russland nun ins Visier der Terroristen. In seinen Videobotschaften lässt der IS keinen Zweifel daran, dass ein neuerliches Anfachen des Konflikts im Nordkaukasus zu seinen Zielen gehört. So rief der aus Dagestan stammende IS-Kämpfer Kamil Sultanachmedow seine Landsleute dazu auf, Russland gen Syrien zu verlassen, um im Dschihad zu kämpfen. Zugleich kündigte er eine Expansion in den Kaukasus an und drohte den Russen: „Wir werden euch dieses Land wegnehmen. Wir werden euch töten, schlachten, verbrennen.“ Anzeichen für ein Vordringen von IS-Kämpfern nach Russland gibt es bislang jedoch nicht. Russland kontrolliert seine Grenzen streng und Rückkehrern drohen lange Haftstrafen.

Zweck von Moskaus Bombardements in Syrien könnte auch sein, möglichst viele russischstämmige Kämpfer zu töten, bevor diese überhaupt Gelegenheit haben, in die Heimat zurückzukehren. Das legen z. B. die massiven Angriffe auf die Provinz Idlib nahe, wo sich viele dieser Kämpfer der Al-Nusra-Front angeschlossen haben.

Russische Behörden halfen bei Ausreise von Dschihadisten

Dabei soll Russland die Ausreise von Extremisten in den Nahen Osten zunächst noch begrüßt und laut Presse sogar befördert haben. Entsprechende Berichte erschienen etwa in der Nowaja Gaseta oder auf The Daily Beast. So fiel den Journalisten z. B. auf, dass der islamistische Extremist Nadir Memetow, der in Russland unter Hausarrest stand, plötzlich in einem IS-Video auftauchte.

Machatschkala

Machatschkala – Hauptstadt der russischen Unruheprovinz Dagestan

Der Grund, warum die staatlichen Stellen im Nordkaukasus auf diese Weise den Dschihad in Syrien und Irak beförderten, ist naheliegend. So erklärte Tanja Lokschina von Human Rights Watch gegenüber The Daily Beast:

Es ist klar, dass die Strafverfolgungs- und Sicherheitsbehörden stolz darauf sind, dass die Zahl der Todesopfer bei bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Aufständischen und Sicherheitsorganen sehr deutlich um etwa 50 Prozent zurückgegangen ist. Offizielle führen das auf Erfolge der Regierung im Kampf gegen die Aufständischen zurück. In Wirklichkeit scheint dieser Rückgang von der Tatsache her zu rühren, dass all die aggressiven, fähigen Kämpfer nicht mehr in Dagestan kämpfen, sondern in Syrien als Teil des IS.

Diese Art, im Nordkaukasus für eine Verbesserung der Sicherheitslage zu sorgen, sei jedoch wohl nicht von Moskau initiiert, sondern eher von lokalen Beamten, die mit den verbesserten Statistiken ihre Vorgesetzten in der Hauptstadt beeindrucken wollen.

Bevor die Anschläge in Paris zu einer Wiederannäherung zwischen Ost und West führten, versuchte Russland den IS auch auf andere Weise für sich zu nutzen. Als die russische Islamistenorganisation „Kaukasisches Emirat“ im Juni ihre Loyalität mit dem IS erklärte, sei Moskau „sehr froh“ darüber gewesen, behauptet die Journalistin Joanna Paraszczuk von Radio Liberty: „Denn das heißt, dass es jetzt die Schuld am lokalen Aufruhr [im Nordkaukasus] dem IS zuweisen kann, ‚einer internationalen Gruppe, die vom Westen geschaffen wurde‘.“

Gezielt soll in der muslimischen Welt das Gerücht verbreitet worden sein, der IS sei vom Westen initiiert worden, um so antiamerikanische Stimmungen zu schüren. Öffentlich erklärte etwa Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrow im Juli via Instagram, der IS sei „ein Projekt westlicher Geheimdienste“.

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