Renitenz als Krankheit: Russland schickt aufsässige Bürger zum Psychiater

Renitenz als Krankheit: Russland schickt aufsässige Bürger zum Psychiater

Wie am Donnerstag berichtet wurde (Spiegel Online), hat die russische Justiz den Künstler und Regimekritiker Pjotr Pawlenski vom Gefängnis in die Psychiatrie verlegen lassen. Er soll dort einer eingehenden Untersuchung unterzogen werden. Der 31-jährige hatte mehrfach durch spektakuläre Aktionen auf sich aufmerksam gemacht, zuletzt indem er eine Tür am Moskauer FSB-Hauptquartier in Brand steckte. Seitdem sitzt er wegen Vandalismus ein. Dass Regimegegner zwangsweise einer psychiatrischen Untersuchung unterzogen werden, erinnert fatal an den Umgang mit Dissidenten in der Sowjetunion.

Region in Westsibirien als Hochburg des Psychiatrie-Missbrauchs

Gouverneurin Natalja Komarowa

Soll Zwangsuntersuchung angeordnet haben: Gouverneurin Natalja Komarowa
(Quelle: www.kremlin.ru)

In einem Artikel für Radio Liberty beschreibt der Journalist Alexander Walijew, dass diese Praxis auch in der Provinz Anwendung findet, um aufsässige Bürger zum Schweigen zu bringen. Besonders eifrig im Einholen psychiatrischer Diagnosen sind laut Walijew, der als freier Korrespondent über die Uralregion berichtet, die Beamten des Autonomen Kreises der Chanten und Mansen. Beharrlicher Widerstand gegen Beamte bzw. Vorgesetzte wird in dieser etwa 500 km östlich des Ural gelegenen Verwaltungseinheit häufiger als anderswo als psychische Abnormität behandelt. Gerichte und Ärzte springen bereitwillig bei, um die nötigen Atteste und Anordnungen zu liefern.

Walijew sprach zum Beispiel mit Larissa Rafikowa, die in der 60.000 Einwohner zählenden Stadt Kogalym lebt. Die Mutter zweier Kinder hatte Unregelmäßigkeiten bei der Abrechnung kommunaler Leistungen (Gas, Strom, Wasser etc.) festgestellt. Laut Rafikowa hätten ihr sogar die Mitarbeiter, die die Abrechnungen erstellen, bestätigt, dass hier korrupte Strukturen am Werke seien. Ihre Beschwerde beim zuständigen Versorgungsunternehmen führte jedoch nicht dazu, dass die Unregelmäßigkeiten ausgeräumt wurden. Im Gegenteil wurde Druck auf sie und ihre Familie ausgeübt. Aufgrund der Stresssituation suchte Rafikowa daraufhin Rat bei einem Psychologen. Außerdem wandte sie sich direkt an Natalja Komarowa, die Gouverneurin des Autonomen Kreises, mit der Bitte um Hilfe.

Beschwerde führt zu psychiatrischer Zwangsuntersuchung

Auch dieser Versuch, zu ihrem Recht zu kommen, blieb für Rafikowa erfolglos. Im Gegenteil: Ihr Brief an die Gouverneurin verschlimmerte ihre Lage noch. Der Psychologe, den sie kurz zuvor konsultiert hatte, bat sie daraufhin in seine Sprechstunde. Als sie vor Ort eintraf, erwartete sie dort jedoch ein weiterer, ihr unbekannter Mann zum Gespräch. Am Abend des 11. September 2015 dann erhielt Larissa Rafikowa einen Anruf. Es sei ein Brief von der Gouverneurin gekommen und sie solle doch bitte gleich beim „Utschastkowy“ (dem örtlichen Revierpolizisten, im DDR-Deutsch auch „Abschnittsbevollmächtigter“) erscheinen, um das Schreiben zu erörtern.

Als Rafikowa dort eintraf, wird ihr eröffnet, dass man sie jetzt gleich in die Psychoneurologische Klinik im 180 km entfernten Surgut bringen werde, um sie einer Untersuchung zu unterziehen. Um ihr Vorhaben gegen Rafikowas Willen durchzusetzen, hätten die Personen Prügel und Elektroschockgeräte angewendet, u. a. auch gegen ihren Mann. Dies alles erfolgte wohlgemerkt ohne Gerichtsbeschluss, der für eine zwangsweise Einweisung erforderlich ist, wenn nicht unmittelbar Gefahr für Leib und Leben der Patientin oder andere Personen besteht.

„Überzeugtheit vom Vorhandensein einer korrupten Gruppe“ als Krankheitssymptom

Serbski-Institut für forensische Psychiatrie

Zentrum der politischen Psychiatrie in der Sowjetunion: das berüchtigte Moskauer Serbski-Intitut
(Quelle: A. Savin / Wikimedia Commons)

Die Ärzte in der Surguter Klinik konnten keine psychische Erkrankung feststellen ebenso wie später ihre Kollegen in Moskau. Ein Behördenmitarbeiter bestätigte Rafikowa später, dass ihre Zwangseinweisung auf direkte Order von Gouverneurin Komarowa zurückzuführen sei. Rafikowa erstattete Anzeige wegen der widerrechtlich unter Zwang erfolgten Untersuchung. Die Eröffnung eines Verfahrens wurde jedoch abgelehnt. Sie insistierte und hatte Erfolg, löste jedoch durch ihre Hartnäckigkeit den bekannten Mechanismus erneut aus. Wieder soll sie sich nun einer psychiatrischen Untersuchung unterziehen – dieses Mal mit Gerichtsbeschluss. In der Begründung schreibt der zuständige Arzt, es gebe den Verdacht auf eine „schwerwiegende psychische Störung“, die sich bei der Patientin in der „Überzeugtheit vom Vorhandensein einer korrupten Gruppe in der Stadt Kogalym“ und der „Einbildung ihre Rechte würden verletzt“ zeige. Verblüffend ist hier die Parallele zum Missbrauch der Psychiatrie in der Sowjetunion. Von der Parteilinie abweichende Meinungen wurden damals kurzerhand zu Krankheitssymptomen umgemünzt, so etwa die Forderung nach Reformen als „reformistische Wahnvorstellungen“.

Renitenten Bürgern droht Berufsunfähigkeit

Weitere Bewohner des Chanty-Mansijsker Autonomen Kreises berichteten laut Journalist Walijew von ähnlichen Erfahrungen. Dozentin Swetlana Schiller etwa klärte auf, dass an ihrer Hochschule jahrelang für das Mensaessen bestimmte Steuergelder veruntreut wurden. Zwar wurde ihrem Hinweis nachgegangen und der Missstand beseitigt, ihr selbst wurde jedoch gekündigt. Bei einer amtsärztlichen Untersuchung versuchte man zudem hartnäckig, ihr eine Berufsunfähigkeit als Pädagogin zu attestieren. Nur mit der Drohung, sich in Moskau zu beschweren, konnte sie dies verhindern.

Ein weiterer Bürger, Alexei Chmelewski, wies auf Missstände im örtlichen Krankenhaus hin, dessen Chefarzt daraufhin seinen Posten verlor. Der Mediziner rächte sich, indem er bei Kollegen Gutachten bestellte, die Chmelewski Verhaltensauffälligkeiten bis hin zur Gemeingefährlichkeit bescheinigten. Bei der daraufhin gerichtlich angeordneten psychiatrischen Untersuchung in Jekaterinburg wurde jedoch nichts dergleichen festgestellt.

 

Flattr this!