Studie: Keine messbare Auswirkung des Syrien-Einsatzes auf Stimmung unter russischen Muslimen

Studie: Keine messbare Auswirkung des Syrien-Einsatzes auf Stimmung unter russischen Muslimen

Das Eingreifen der russischen Armee an der Seite des schiitischen syrischen Präsidenten Assad gegen sunnitische Rebellen könnte Russland und der IS: erst gefördert, dann gefürchtet, so wurde in letzter Zeit gemutmaßt. Eine Studie, über die die Washington Post berichtet, scheint diese Annahme nun zu widerlegen.

Kul Scharif Moschee Kasan

Türme der Kul-Scharif-Moschee in Kasan, Tatarstan
(Quelle: Adam Jones, Ph.D./Wikimedia Commons )

Im Rahmen der vom Fonds für Korruptionsbekämpfung des Putin-Kritikers Alexei Nawalny durchgeführten Untersuchung wurden 1.200 Menschen in den überwiegend muslimischen Teilrepubliken Tatarstan und Dagestan befragt. Als Referenzgruppe diente die große russisch-orthodoxe Bevölkerungsgruppe in Tatarstan, der 40% der Einwohner angehören.

Die Studienteilnehmer konnten zunächst aus drei verschiedenen Positionen wählen:

1. Russland sollte sich nicht militärisch in Syrien einmischen
2. Russland sollte auf Assads Seite im syrischen Bürgerkrieg aktiv sein
3. Russland sollte sich der internationalen Koalition mit den USA und Frankreich anschließen

Gegen eine Einmischung Russlands in den Konflikt sprachen sich 24% der befragten Muslime in Tatarstan und 22% derer in Dagestan aus. Jedoch taten dies ebenso 18% der befragten orthodoxen Christen in Tatarstan und damit nicht wesentlich weniger als unter ihren muslimischen Mitbürgern.

Für eine Unterstützung Assads sprachen sich mit 29% in der Gruppe der dagestanischen Muslime sogar signifikant mehr Personen aus als mit 23% bei der christlich-orthodoxen Referenzgruppe. Besonders auffällig ist, dass mit 28% deutlich mehr Christen dafür eintreten, dass Russland sich im Syrienkrieg dem westlichen Bündnis anschließt, als Muslime dies tun (18% der Muslime in Tatarstan, 11% derer in Dagestan).

Die Antworten auf die Frage nach dem Hintergrund des Konflikts erhellen den möglichen Grund für die ausgehend von der eingangs genannten Annahme unerwarteten Ergebnisse. Demnach sehen nur 6% der dagestanischen Muslime und nur 3% der tatarstanischen Muslime einen konfessionellen Konflikt (Schiiten vs. Sunniten) hinter dem Syrienkrieg. Die meisten Befragten – in allen drei Gruppen je etwa 40% – wählten bei dieser Frage die Option „weiß nicht“.

Zentralmoschee von Machatschkala

Zentralmoschee von Machatschkala, Dagestan
(Quelle: Wikimedia Commons / AbuUbaida)

25% der befragten Muslime in Tatarstan nannten den „Kampf gegen Terror“ als Hintergrund des Konflikts, 20% der Christen in Tatarstan und 15% der Muslime in Dagestan. Sie vertreten damit die Version des Kreml und regierungstreuer Medien. Eine weitere große Gruppe (zwischen 13 und 22%) sieht einen geopolitischen Konflikt dahinter, was ebenfalls einem gängigen Erklärungsmuster des Kreml entspricht.

Immer wieder wurde Russland in den vergangenen Wochen vorgeworfen, bei seinem Einsatz in Syrien wenig Rücksicht auf die Zivilbevölkerung zu nehmen. Dennoch zeigen die Ergebnisse der Studie nicht, dass die Syrienpolitik des Kreml unter den sunnitischen Muslimen Russlands auf überproportional große Ablehnung stoßen würde. Die Autoren der Studie zweifeln jedoch an der Aussagekraft der Ergebnisse. So sei mehrfach darauf hingewiesen worden, dass viele Russen aus Angst vor möglichen Konsequenzen davor zurückschrecken, bei Meinungsumfragen ehrlich zu antworten. Außerdem könne sich die Stimmung bei einem weiter andauernden Konflikt und weiterer Kritik am rücksichtslosen Vorgehen der russischen Armee auch noch ändern. Und schließlich genüge es schon, wenn eine relativ kleine Minderheit das Assad-Regime hasst und die russische Intervention entschieden ablehnt, um Zahl der IS-Rekruten aus Russland stark angestiegen. Wenn Putins Syrienintervention darauf abziele, seine Popularität in der eigenen Bevölkerung zu steigern, so sei diese Strategie zumindest vorerst aufgegangen, meinen die Autoren, – „selbst bei den russischen Muslimen“.

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