"Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben" - Russlands TV über die Deportation der Krimtataren

„Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben“ – Russlands TV über die Deportation der Krimtataren

Dass im russischen Staatsfernsehen ein „kreativer Umgang“ mit der Wahrheit gepflegt wird, ist nichts Neues und es wäre wohl naiv zu glauben, dass dies bei der Übertragung des in diesem Jahr hochpolitisierten Eurovision Song Contest anders hätte sein können. In der Ukraine empört man sich zurzeit darüber, wie bei der Übertragung des ESC-Halbfinales und des ESC-Finales im russischen 2. Programm „Rossija“ jeweils der Beitrag „1944“ der ukrainischen Sängerin Jamala kommentiert wurde.

Jamala

Jamala (bürgerlich Sussana Dschamaladinowa), Gewinnerin des Eurovision Song Contest 2016
(Quelle: Wikimedia Commons / Albin Olsson)

Thema des Liedes ist das Schicksal von Jamalas Urgroßeltern, die wie Zehntausende Krimtataren im 2. Weltkrieg auf Befehl Stalins nach Zentralasien verschleppt wurden. Dass eine Krimtatarin für die Ukraine dieses Lied beim ESC singt, ist selbstverständlich ein Politikum. Es ist eine Anspielung auf die Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 – fast genau 70 Jahre nach der Deportation. Vor allem Angehörige der krimtatarischen Volksgruppe sind seitdem Repressionen ausgesetzt. Sie stehen gleichsam unter dem Generalverdacht Separatisten oder Islamisten zu sein. Viele – darunter Jamala – sahen sich gezwungen, ihre Heimat zu verlassen.

In Russland wurde der musikalische Beitrag der Ukraine bekanntlich von vornherein als Provokation aufgefasst. Abgeordnete der Staatsduma forderten die Europäische Rundfunkunion dazu auf, den Song nicht zuzulassen. Politische Aussagen seien beim ESC nicht erlaubt, hieß es. Die zuständigen Gremien konnten solche jedoch im Liedtext nicht finden, geht es doch dabei schlicht um historische Ereignisse.

Die Verdrängung der Stalinschen Verbrechen gehört in Russland bekanntermaßen wieder zum guten Ton und ganz besonders gilt dies, wenn sie in die Zeit des „Großen Vaterländischen Krieges“ fallen. Denn die Deportation der Krimtataren stört das zur Hagiographie gewordene offizielle Bild der Weltkriegsgeschichte, demzufolge die Sowjetunion als das makellose Gute gegen das vollendete Böse kämpfte (slon.ru). So weit, dass man die Deportation der Krimtataren gänzlich verschweigen müsste, ist es jedoch noch nicht. Über die Feierlichkeiten zum 72. Jahrestag der Deportation wurde im russischen Fernsehen berichtet. Die TV-Kommentatoren beim ESC entschieden jedoch, ihren Zuschauern nicht zu sagen, worum es in „1944“ geht. Ihr Job als Journalisten wäre es auch gewesen, diese über die politische Debatte rund um den ukrainischen Beitrag zu informieren. Dass sie weder das eine, noch das andere taten, ist vielsagend.

Stattdessen wurde das eigentliche Thema des ukrainischen Beitrags bei der Übertragung des Finales wie mit spitzen Fingern angefasst. Alles, was der russische Fernsehzuschauer über den historischen Hintergrund erfährt, ist, dass Jamala ein Lied „über das Schicksal ihrer nächsten Angehörigen singt“ – zur Deportation der Krimtataren kein Wort. Vollends absurd jedoch, was dann kommt: „Aber hier in Europa wird ihre Komposition in einem breiteren Kontext verstanden. Schließlich erlebt Europa in diesen Tagen eine Krise im Zusammenhang mit den Flüchtlingen, die auf der Suche nach einem besseren Schicksal ihre Heimatländer verlassen.“

Ein ähnlicher Kommentar war bereits bei der Übertragung des zweiten Halbfinales zu hören gewesen. Es gehe um „das Schicksal von Menschen, die freiwillig oder unfreiwillig ihr Zuhause auf der Suche nach einem besseren Leben verlassen. Das ist ein Problem, das vom 20. ins 21. Jahrhundert übergegangen ist.“

Das russische Fernsehpublikum wurde hier einmal mehr für dumm verkauft. Dass „1944“ in der (west-)europäischen Öffentlichkeit in irgendeiner Weise mit der derzeitigen Flüchtlingsproblematik in Verbindung gebracht würde, ist völliger Humbug und frei erfunden. Schließlich wurde in den Medien über das Thema des Beitrags und die damit verbundene Brisanz im Zusammenhang des russisch-ukrainischen Konflikts ausführlich berichtet, womit die Ukraine bereits ein Ziel erreicht hatte. Von diesem Erfolg freilich soll der russische Zuschauer lieber nichts wissen. Stattdessen wurde die Gelegenheit genutzt, zum zigtausendsten Mal auf der Flüchtlingskrise – dem Lieblingsthema der russischen Fernsehenverantwortlichen – herumzureiten.

Wie könnte man aber überhaupt eine Assoziation zwischen 1944 und heute aufstellen? Aktuell fliehen Menschen vor Krieg und wirtschaftlicher Not, die Krimtataren sind damals nicht geflohen, sondern wurden unter verbrecherischen Umständen deportiert. Tausende kamen schon auf der tagelangen Zugfahrt nach Zentralasien ums Leben. Die Andeutung, sie seien „auf der Suche nach einem besseren Leben“ gewesen, ist angesichts dessen an Zynismus kaum zu überbieten und hat naturgemäß für Empörung gesorgt.

Bei dieser Verhöhnung der krimtatarischen Deportationsopfer im russischen Staats-TV ist es kein Wunder, dass viele Krimtataren den neuen Herren im Land skeptisch gegenüberstehen. Zur Integration ihrer Volksgruppe trägt eine solche TV-Berichterstattung jedenfalls sicher nicht bei.

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