Russische Ölförderung: Zwei Deepwater Horizons pro Jahr

Russische Ölförderung: Zwei Deepwater Horizons pro Jahr

Der Guardian berichtete am Freitag über die prekären Zustände der Ölförderung in Russland, insbesondere in der Teilrepublik Komi im äußersten Nordosten des europäischen Russlands. Grundsätzlich wird die Problematik vom russischen Staat anerkannt. Umweltminister Dmitri Donskoi räumt so ein, dass jedes Jahr etwa 1,5 Millionen Tonnen Öl in Russland in die Umwelt austreten. Das entspricht ungefähr der doppelten Menge des Öls, das 2010 infolge der Explosion der Bohrinsel Deepwater Horizon in den Golf von Mexiko gelangte (fast 800.000 Tonnen). Über den Fluss Petschora gelangt etwa ein Drittel des in Russland ausgetretenen Öls, nämlich 500.000 Tonnen pro Jahr, in den Arktischen Ozean.

Ölverschmierter Vogel

Ölverschmierter Vogel
(Quelle: Wikimedia Commons / Marine Photobank)

Grund für diese haarsträubenden Zahlen ist der schlechte Zustand der Förder-Infrastruktur. 60% seien marode, teilte wiederum das Umweltministerium mit. 2014 wurden in Russland 11.709 Pipelinelecks gemeldet. Zum Vergleich führt der Guardian die Zahlen für Kanada an, wo im gleichen Zeitraum 133 Zwischenfälle und 5 Pipeline-Unfälle gemeldet wurden.

Die Umstände der Ölförderung haben für die lokale Bevölkerung fatale Folgen. Die Bewohner des Umlands von Ussinsk, einer Mittelstadt, die ihre Existenz der in den 1960er Jahren beginnenden Erdölförderung zu verdanken hat, beklagen sich darüber, dass ständige Leckagen ihr Trinkwasser verseuchen und ihre Lebensgrundlage gefährden, indem Fische und Rentiere vergiftet würden. Das Krankenhaus von Ust-Ussa am Fluss Petschora verzeichnet einen markanten Anstieg an Erkrankungen des Nervensystems. Wurden 1995 bei Erwachsenen noch 26 solche Fälle gezählt, waren es 2009 mit 70 mehr als doppelt so viele. Bei den Minderjährigen hat sich die Zahl sogar mehr als verdreifacht, sie stieg von 72 auf 254 Fälle.

Das federführende Mineralölunternehmen Lukoil plant indes noch eine Ausweitung der Förderung von 15,8 Millionen Tonnen 2014 auf 21,5 Millionen bis 2019, wogegen sich Protest in der Bevölkerung regt. Zugleich wurden Maßnahmen zum Schutz der Umwelt und die Erneuerung veralteter Pipelines angekündigt, für 2016 etwa 370 der insgesamt 7.000 km. Die bisherigen Aktivitäten der Ölfirmen in dieser Hinsicht sind aus Sicht von Wassili Jablokow von Greenpeace Russland „lächerlich“, sie müssten viel mehr tun. Dass durch die Lecks auch jede Menge Öl und damit Bares verloren geht, juckt sie wenig. Es ist für sie günstiger, es im wahrsten Sinne des Wortes einfach „laufen zu lassen“, als in die Infrastruktur zu investieren.

Der russische Staat macht es den Unternehmen leicht. Steuererleichterungen, Subventionen, laxe Kontrollen und die Möglichkeit, sich der finanziellen Verantwortung für die negativen Folgen der Ölförderung zu entziehen, sorgen für ein äußerst einträgliches Geschäft. Laut Greenpeace ist die Rendite bezogen auf die investierten Mittel doppelt so hoch wie anderswo auf der Welt.

Flattr this!