Emigrationswelle: Russlands geschönte Bevölkerungsstatistik

Emigrationswelle: Russlands geschönte Bevölkerungsstatistik

Ein vom „Komitee der Bürgerinitiativen“ (russ. Комитет гражданских инитиатив) des russischen Politikers Alexei Kudrin vorgelegter Bericht legt nahe, dass die offizielle russische Statistik über die Zahl der Emigranten geschönt ist. So erfasst die Statistikbehörde Rosstat nur solche Auswanderer, die sich offiziell bei den russischen Behörden abgemeldet haben. Dadurch werde jedoch ein Großteil unterschlagen. Das Komitee der Bürgerinitiativen verglich die russischen Zahlen mit denen ausländischer Statistikämter über ankommende russische Immigranten. Ergebnis: Die Zahlen sind drei bis viermal höher als die der staatlichen russischen Stellen.

Quelle: Wikimedia Commons / Russavia

Quelle: Wikimedia Commons / Russavia

Während Rosstat von 1989 bis 2015 nur 4,5 Millionen Menschen zählt, die ihr Heimatland verlassen haben, dürften es laut Kudrins NGO 13-18 Millionen gewesen sein. An der Spitze der beliebtesten Zielländer der Auswanderer standen demnach Deutschland, Israel und die USA. Während es zu Beginn der 1990er überwiegend Moskauer und Petersburger waren, die ihr Land verließen, hat sich der Trend im Laufe der Jahre auf alle Regionen Russlands ausgebreitet. Die höchste Auswandererrate verzeichnet heute das Kaliningrader Gebiet. Vor allem Menschen mit guter Bildung emigrieren. Das von der Moskauer Regierung behauptete anhaltende Bevölkerungswachstum, das nach fast zwei Jahrzehnten des Schwunds 2010 wieder eingesetzt haben soll, dürfte laut dem Bericht überhaupt nicht oder nur in minimalem Maße stattgefunden haben.

Als Gründe für die Auswanderung nennt das Komitee der Bürgerinitiativen vor allem den Zustand der russischen Wirtschaft: Instabilität, Fehlen eines echten Wettbewerbs bzw. Einsatz krimineller Methoden im Umgang mit Mitbewerbern, Korruption, unternehmerische Unsicherheit, aber auch die niedrigen Löhne. Ebenso treibt die politische Lage die Menschen aus dem Land: die fehlende Meinungs- und Demonstrationsfreiheit und das Misstrauen gegenüber den staatlichen Institutionen. Im Ausland locken dagegen höhere Löhne und bessere Möglichkeiten der Entfaltung.

Vor allem im für die Entwicklung eines Landes doch so wichtigen Bildungs- und Wissenschaftsbetrieb müssen Akademiker mit kärglichen Gehältern auskommen. Und was die Staatsspitze hierzu zu sagen hat, wird verständlicherweise von vielen als Zynismus aufgefasst. So wurde Ministerpräsident Dmitri Medwedew im August bei einer Veranstaltung von einem Hochschullehrer aus Dagestan gefragt, ob es nicht ungerecht sei, dass junge Lehrer und Dozenten mit einem Monatslohn von 10 und 15 Tausend Rubel (ca. 135-200 €) leben müssten, Beamte der Polizei und anderer Sicherheitsorgane aber ab 50.000 Rubel (670 €) bekämen. Dem Ex-Präsidenten fiel darauf nichts Besseres ein als die Empfehlung, sich doch etwas dazuzuverdienen – oder sich einen anderen Job zu suchen. Jeder sei schließlich für seine Berufswahl selbst verantwortlich (NEWSru.com).

Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung der Emigrantenzahl (auch nach offizieller Statistik) in der laufenden Amtsperiode von Präsident Putin. Während diese seit Anfang der 1990er Jahre praktisch kontinuierlich zurückging, ist seit dem Jahr 2012, in dem Putin seine dritte Amtszeit antrat, ein sprunghafter Anstieg zu verzeichnen. 2011 kehrten nur noch etwa 37.000 Menschen dem Land den Rücken, 2012 waren es schon wieder 123.000 und 2015 dann 353.000 – so viele wie zuletzt in den für viele Russen traumatischen 1990er Jahren.

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