Stacheldraht: Unbekannter "ergänzt" russisch-weißrussisches Freundschaftswandbild in Minsk

Stacheldraht: Unbekannter „ergänzt“ russisch-weißrussisches Freundschaftswandbild in Minsk

Ein unbekannter Street Artist hat in der weißrussischen Hauptstadt Minsk mit einem spektakulären Statement für Aufsehen gesorgt. Er ergänzte ein Wandbild an einem Wohnhaus in der Mahiljouskaja-Straße, das die russisch-weißrussische Freundschaft bzw. die der beiden Hauptstädte zeigen soll. Darauf sind zwei sich zulächelnde Kinder zu sehen. Ein Junge mit Schirmmütze in den offiziellen weißrussischen Farben Rot und Grün steht für Minsk, ein Mädchen mit Seifenblasenset für Moskau. Das Bild war ein Geschenk der offiziellen Minsker Vertretung der Stadt Moskau zum russischen Nationalfeiertag am 12. Juni 2016.

Wandbild

„Moskau“ mit Stacheldraht auf dem Kopf
(Quelle: Facebook)

Der Künstler „flocht“ Stacheldraht in die Kornblumen und Kamillen, die der Junge in den Händen hält, und in die auf dem Kopf des Mädchens. Euroradio zufolge verrichtete er sein Werk nicht etwa bei Nacht und Nebel, sondern in der ersten Tageshälfte des 23. Oktober. Der Unbekannte und sein Helfer rückten sogar mit einer Arbeitsbühne an, um das meterhohe Bild zu bearbeiten. Passanten dachten sich nichts dabei, dass das Wandbild „überarbeitet“ wurde. Viele sollen die Veränderung gar nicht bemerkt haben bzw. erst als sie von Journalisten danach befragt wurden.

Die ersten Meldungen über die aufsehenerregende Aktion kamen über die sozialen Netzwerke. Das Street Art-Projekt Signal veröffentlichte Bilder davon sowie ein Statement des Urhebers:

Ich wollte damit ausdrücken, dass wenn jemand versucht Street Art zu spielen, er auch bereit sein muss, nach Street-Art-Regeln zu spielen. Dies ist die Straße, hier kann man dein Werk zerstören, verhunzen, bearbeiten – insbesondere, wenn es von scheußlicher Qualität ist und eine propagandistische Botschaft hat.

Wie es scheint richtete sich die Motivation des Künstlers zunächst gegen die hier geschehene Vereinnahmung der Street Art durch die Politik. Natürlich aber ist das Symbol des Stacheldrahts im autokratisch regierten Weißrussland – und umso mehr im Zusammenhang mit dem ambivalenten Bündnis der Autokratien Russlands und Weißrusslands verwendet – eine ungeheure Provokation. Zudem lässt sich der Stacheldraht auch als Hinweis auf die Abhängigkeit bzw. Ungleichheit, von der diese „Freundschaft“ in wirtschaftlicher wie kultureller Hinsicht geprägt ist, interpretieren. Etwas verklausuliert äußerte sich der Künstler gegenüber TUT.BY auch in dieser Richtung:

Ich sehe in den Beziehungen unserer Länder etwas, das viele Unwegsamkeiten und potenziell gefährliche Momente in sich birgt, die wir unter Kornblumen und Kamillen zu verbergen versuchen. Man kann sagen, das ist so eine Lebenswahrheit, die ans Licht drängt, die man nicht verbergen kann. (…) Das Wichtigste ist für mich, einer fremden Arbeit einen neuen Sinn zu geben. Die Interpretation überlasse ich dem Betrachter.

Erwartungsgemäß verurteilte die Minsker Stadtverwaltung laut Naviny.by das Werk des Unbekannten als Respektlosigkeit gegenüber dem Russen Artur Kaschak, der das ursprüngliche Wandbild schuf, und als Unverschämtheit gegenüber den Minsker Bürgern. Sie stellte ihm ein Ultimatum, das Bild bis zum Ende der Woche in den Originalzustand zurückzuversetzen. Andernfalls werde man dies selbst in Auftrag geben und ihm in Rechnung stellen. Der Beschuldigte erklärte, der Aufforderung auf keinen Fall nachkommen zu wollen und schrieb in Bezug auf das Wandbild:

Ich schlage den Minsker Behörden vor, diese Armseligkeit zu übermalen und sich nicht lächerlich zu machen. Dieses „Geschenk“ ist eine Schande für die großartige Stadt Minsk, die Besseres verdient hat.

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