Studierende als „Destruktoren“: Kreml lässt angeblich „Protestpotenzial“ an Hochschulen untersuchen

Studierende als „Destruktoren“: Kreml lässt angeblich „Protestpotenzial“ an Hochschulen untersuchen

Dass Russlands Präsident Putin spätestens seit der Orangenen Revolution 2004 in der Ukraine kaum etwas mehr fürchtet als eine ähnliche „Farbrevolution“ in seinem eigenen Land, gilt unter Beobachtern seit langer Zeit als sicher. Die meisten dieser Umstürze fanden im Umfeld von Wahlen statt. So gesehen befand sich die russische Führung dieses Jahr mit der Parlamentswahl im September in einer vergleichsweise gefährlichen Phase.

Nikita Danjuk

Nikita Danjuk untersucht das „Protestpotenzial“ an russischen Hochschulen – im Auftrag der Sicherheitsorgane?
(Quelle: youtube.com)

Vergleichsweise, denn angesichts des Jubels über die Krim-Annexion kann sich trotz aller Unzulänglichkeiten, die das Leben unter dem Putin-Regime mit sich bringt, doch kaum jemand vorstellen, dass ein Sturz des Präsidenten derzeit möglich wäre. Wie ernst der Kreml die Gefahr dennoch nimmt und wo er mögliche Keimzellen oppositioneller Bewegungen sieht, verriet jetzt womöglich ein russischer Hochschuldozent, den – so lässt sich aus einem Zeitungsbericht des Kommersant herauslesen – offenbar sein Geltungsbedürfnis dazu verleitete sich zu verplappern.

Besagter Dozent ist Nikita Danjuk, stellvertretender Leiter des „Instituts für strategische Studien und Prognosen“ an der Russischen Universität für Völkerfreundschaft in Moskau. Der junge Mann mit Lenin-Bart erklärte vor einer Versammlung von Prorektoren russischer Hochschulen:

…der Staat befindet sich im Zustand eines nicht erklärten Kriegs. Dieser Krieg hat hybriden Charakter, er hat viele Fronten. Eine davon verläuft durch unseren Staat – das ist die mentale Front.

Aus Danjuks Sicht nutzen „westliche Planer“ die Praxis der „Inspiration von Umstürzen“, wobei Studierende zu den wichtigsten potenziellen „Destruktoren“ zählten. Damit der Staat nicht „in Chaos und Anarchie versinkt“, habe sein Team ein Sonderprogramm unter dem Titel „Szenarien der Zukunft Russlands“ ausgearbeitet – eine Vorlesungsreihe zu „Fragen des Widerstands gegen destruktive politische Kräfte“.

Russische Studierende - potenzielle

Russische Studenten – potenzielle „Destruktoren“(Quelle: Wikimedia Commons / Yelia Nyoko)

Über zwei Jahre besuchte Danjuk in diesem Rahmen über 40 Moskauer und Dutzende regionale Hochschulen, wo er die Studierenden „dazu ermunterte, offen ihre Meinung zu politischen Fragen zu sagen“ und in eine Diskussion einzutreten – soweit die Darstellung in seinem Redebeitrag.

Abseits des Rednerpultes berichtete Danjuk in Gesprächen jedoch über einen viel weiter gehenden Zweck seines Projekts. So habe man das „Protestpotenzial“ unter Studierenden und Dozenten der jeweiligen Hochschulen bewertet. Diese Ergebnisse seien in Form von Berichten bestimmten Staatsorganen und „besonders spezialisierten Strukturen“ zum Dienstgebrauch zur Verfügung gestellt worden. Ohrenzeugen sagten laut Kommersant, Danjuk habe sich mit diesem besonderen Auftrag gebrüstet. Sein Fazit: Auf Ebene der Professoren- und Dozentenschaft werde „nicht offen aber ohne Scham destruktive Propaganda antistaatlicher Ideen betrieben“. Über die Zukunft seines „Projekts“ sagte er:

Zum Glück hat unser Staat praktisch ohne Verluste den Punkt der Parlamentswahlen überstanden, aber unser Projekt bleibt bis zur Wahl des Staatsoberhaupts 2018 aktuell. Und aus Gründen der Prophylaxe auch darüber hinaus.

Die Strategie der ausländischen Kräfte richte sich jetzt verstärkt auf die russische Provinz, weshalb man sich jetzt ebenso auf diese konzentrieren wolle.

Wie zu erwarten war, setzte die Presseberichterstattung über Danjuks Plaudereien einen Distanzierungszirkus in Gang (NEWSru.com). Seine Universität erklärte, sein Projekt sei nichts weiter als eine „gesellschaftliche Initiative“ und habe nichts mit der Hochschule zu tun, ihr Angestellter habe lediglich seine persönliche Meinung geäußert.

Putins Sprecher Dmitri Peskow sagte, von der Messung eines „Protestpotenzials“ wisse man im Kreml nichts und Danjuks Aktivitäten seien „natürlich kein Projekt des Kreml“. Georgi Filimonow, Direktor des Instituts für strategische Studien und Prognosen und somit Danjuks direkter Vorgesetzter, bestritt, dass ein „Protestpotenzial“ gemessen werde. Man untersuche lediglich die Aktivitäten „ausländischer Polittechnologen“. Filimonow war von 2005 bis 2009 als außenpolitischer Berater in der Präsidialadministration tätig.

Auch Nikita Danjuk reagierte auf die Medienberichte. Man habe seine Worte „völlig falsch interpretiert“, sagte er laut Nachrichtenagentur RIA Nowosti. Sein merkwürdiges Verhalten im Umgang mit Presseanfragen in der Angelegenheit wirft jedoch Zweifel an der Version eines einfachen Missverständnisses auf. So blieben Anfragen der Nowaja Gaseta über Facebook und VK nicht nur unbeantwortet. Danjuk löschte seine Seiten bei den sozialen Netzwerken kurze Zeit später.

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