Plante der Kreml einen Umsturz in Montenegro?

Plante der Kreml einen Umsturz in Montenegro?

Am 16. Oktober, dem Tag der Parlamentswahlen in Montenegro wurde gemeldet, dass die montenegrinische Polizei 20 serbische Staatsbürger festgenommen hat, die beschuldigt wurden, „Terrorakte“ in der kleinen Adriarepublik vorbereitet zu haben. Sie hätten am Wahlabend das Parlament und andere staatliche Institutionen besetzen wollen, „um den Wahlsieg bestimmter Parteien zu verkünden.“ Die Gruppe wurde angeführt von Bratislav Bata Dikić, dem ehemaligen Befehlshaber einer serbischen Sonderpolizeieinheit, der heute in der prorussischen „Patriotischen Front Serbiens“ aktiv ist.

Milo Đukanović

Im Visier ausländischer Mächte: Montenegros Staatschef Milo Đukanović
(Quelle: vlada.si)

Bei der Wahl zum montenegrinischen Parlament ging es bekanntlich um nicht weniger als die Frage, ob der Regierungskurs auf einen NATO- und EU-Beitritt des Landes fortgesetzt oder durch einen Sieg der prorussischen Opposition eine außenpolitische Kehrtwende eingeleitet wird. Der Kreml, der in den vergangenen Monaten den bevorstehenden NATO-Beitritt des Landes, der im Mai bei einem NATO-Außenministertreffen beschlossen wurde, heftig kritisiert hatte, unterstützte den Wahlkampf der prorussischen Opposition massiv.

Bedingt durch den zweifelhaften Ruf Montenegros und seines Staatschefs Milo Đukanović wurden die Meldungen über den angeblichen Putschversuch von der westlichen Öffentlichkeit nicht recht ernst genommen. Man hielt es wohl für möglich, dass es sich nur um aufgebauschte Meldungen oder gar eine Inszenierung handeln könnte, um Befürworter einer Westbindung noch im letzten Moment für die Wahl zu mobilisieren. Đukanovićs Partei wurde bekanntlich stärkste Kraft, verfehlte jedoch die absolute Mehrheit. Der von der Opposition angestrebte und von Moskau erhoffte Politikwechsel war gescheitert.

Meldungen der folgenden Tage lassen nun jedoch die Berichte über einen Umsturzversuch als weitaus realistischer erscheinen als bisher angenommen. Und diese Meldungen kommen aus Serbien, das enge Beziehungen zu Russland pflegt. Der serbische Premier Aleksandar Vučić bestätigte am 24. Oktober die Festnahme seiner Landsleute in Montenegro. Und nicht nur das. Er führte auch aus, dass die Gruppe geplant habe, das montenegrinische Parlament zu besetzen und auf eine davor stattfindende Oppositionskundgebung zu schießen, um einen Sturm des Parlaments zu provozieren. Die Serben sollen Uniformen mitgeführt haben, die denen montenegrinischer Sicherheitsorgane ähnelten. Zudem seien bei den Beschuldigten eine große Menge Bargeld und hochqualitative Satellitenbilder staatlicher Einrichtungen in Montenegro gefunden worden. Sie hätten den montenegrinischen Premier Đukanović „mit neuester Technik“ überwacht und praktisch jeden seiner Schritte weitergemeldet. An den Plänen seien weitere „gefährliche Gruppen“ beteiligt gewesen und die Festgenommenen hätten ihre Aktivitäten „mit Ausländern abgestimmt“.

Verdächtig eilig zu Besuch in Belgrad: Nikolai Patruschew

Verdächtig eilig zu Besuch in Belgrad: Nikolai Patruschew
(Quelle: www.kremlin.ru)

Konnte man nun schon ahnen, wer diese „Ausländer“ sein könnten, kam am Tag darauf ein weiterer Hinweis hinzu. Völlig überraschend reiste der Sekretär des russischen Sicherheitsrates Nikolai Patruschew nach Belgrad. Er traf mit Premierminister Vučić, Staatspräsident Tomislav Nikolić, Außenminister Nebojša Stefanović und Innenminister Ivica Dačić zusammen. Alle Treffen fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Offizielles Thema der Gespräche war die weitere Vertiefung der Zusammenarbeit beider Länder auf dem Gebiet der Sicherheit. Am 27. Oktober dann meldete die serbische Zeitung Danas die Ausweisung mehrerer russischer Staatsbürger, die laut ungenannten Quellen Terroranschläge in Montenegro vorbereitet haben sollen. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte auf Anfrage, von einem solchen Fall sei nichts bekannt, die russische Botschaft in Belgrad sprach von „Spekulationen“, Premierminister Vučić lehnte einen Kommentar zu den Meldungen ab (Medusa).

Der Balkan-Korrespondent der russischen Zeitung Kommersant, Gennadi Syssojew, stellte am 28. Oktober einen Zusammenhang zwischen der Ausweisung der mutmaßlichen russischen Provokateure und dem völlig überraschenden Belgradbesuch Patruschews her. In seinem Artikel zitiert er serbische Experten, die überzeugt sind, dass beide Ereignissen in Zusammenhang miteinander stehen. Der Fall sei ein Skandal wie es ihn in den russisch-serbischen Beziehungen der postsowjetischen Ära bislang nie gegeben habe, bei der eiligen Anreise Patruschews sei es um nicht weniger als die Rettung der Beziehungen gegangen. Informanten Syssojews, „die der serbischen Regierung nahestehen“ sagten ihm, Belgrad sei nicht an einer Belastung der Beziehungen zu Russland interessiert, wolle andererseits aber auch nicht der Beteiligung an kriminellen Aktionen im Nachbarland verdächtigt werden.

Hätte nur die prowestliche Regierung Montenegros von einem Putschversuch unter russischer Beteiligung gesprochen, hätten der Kreml und seine Apologeten dies schnell als antirussische Propaganda abtun können. Welches Interesse aber sollte Serbien daran haben, Propaganda gegen Russland zu betreiben und seine Beziehungen zu diesem wichtigen Partner zu belasten? Dieser und andere Aspekte sprechen dafür, dass es tatsächlich eine russische Beteiligung an geplanten Sabotageaktionen gegen Montenegro gegeben hat. Fraglich ist nur, in welcher Form. Handelten die Beteiligten im Auftrag staatlicher russischer Stellen oder auf eigene Faust?

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