Der rote Tag im Kalender

Der rote Tag im Kalender

Der 7. November war als „Tag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“ wohl der wichtigste Feiertag der Sowjetunion. Dass die heutige Ukraine mit diesem Datum nicht viel anfangen kann, ist nicht verwunderlich. Doch auch Russland tut sich damit schwer. Den unterschiedlichen Umgang mit diesem historischen Tag und den damit verbundenen Ereignissen beschreibt Michail Dubinjanski. Sein Artikel erschien erstmals am 7. November 2016 auf der Seite der Ukrajinska prawda.

Normalerweise eignen sich die sowjetischen Gedenktage hervorragend zur Illustration des ukrainisch-russischen Konflikts. Was die Ukraine ablehnt, wird in Russland auf den Schild gehoben. Wir entscheiden uns für den 14. Oktober, 1. September und den 8. Mai – sie hegen ihren 23. Februar, 22. Juni und 9. Mai.

Der siebte November jedoch wurde zur Ausnahme: er ist beiden Seiten unangenehm. Über das sowjetische Revolutionsfest wurde in der dekommunisierten Ukraine der Bann ausgesprochen, aber es hat auch im revanchistischen Russland nicht die einstige Resonanz zurückgewonnen. Die Ereignisse vor 99 Jahren bringen die Kremlpropaganda in eine peinliche Lage.

Einerseits werden in der Russischen Föderation die konservativ-bewahrenden Werte verbreitet und der Bevölkerung wird eingeredet, dass jegliche Revolutionen, Umstürze, Aufstände und Majdane unzulässig und schädlich sind.

Andererseits war die verherrlichte und angebetete UdSSR ein Produkt der bolschewistischen Revolution. Kann also ein gewaltsamer Machtwechsel doch zu einem – aus der Sicht russischer Patrioten – positiven Resultat führen? Vor dieser aufwieglerischen Schlussfolgerung hütet sich das Putinsche Russland so gut es kann. Die russische Gedenkpolitik zielt darauf ab, jegliche Verbindung zwischen der sowjetischen Zivilisation und den stürmischen Ereignissen des Jahres 1917 zu zerstören.

Man versucht, das nostalgische Bild von der Sowjetunion maximal dem vorrevolutionären Russland anzunähern und kreuzt dabei Doppeladler und rote Sterne, Orthodoxie und Pionierbewegung (…).

Parade auf dem Roten Platz

7. November 2014: „Feierlicher Marsch zu Ehren der legendären Parade, die am 7. November 1941 stattfand, als die faschistischen Heerscharen vor Moskau standen“
(Quelle: Verteidigungsministerium der Russischen Föderation / mil.ru)

Von Väterchen Zar möchte man fließend zum Generalissimus Stalin und weiter zu Präsident Putin übergehen, unter Umgehung der schädlichen Revolutionäre. Die Früchte derartiger Mythenbildung grenzen nicht selten an Schizophrenie. So etwa der Aufmarsch des „Unsterblichen Regiments“ mitsamt Ikone Nikolaus II. und die Parade zu Ehren der Parade vom 7. November 1941, auf dass man das unbequeme Datum mit den kämpfenden Großvätern verbinde, anstatt mit den rebellierenden Urgroßvätern.

Eine besondere Rolle in diesem absurden Theater kommt dem proletarischen Führer Uljanow-Lenin zu. Verständlicherweise passt der gottlose Revolutionär auf dem Panzerwagen nicht ins Putinsche Wertesystem. Wladimir Wladimirowitsch [Putin] persönlich beschuldigte Wladimir Iljitsch [Lenin], er habe eine Atombombe unter Russlands Fundament gelegt und dieser Idee folgend hätte man den bolschewistischen Führer eigentlich aus dem historischen Gedächtnis tilgen müssen.

Aber dann kam der „Leninopad“ in der Ukraine [die massenhafte Beseitigung von Lenindenkmälern] und den respektlosen Umgang mit Iljitsch verband man fortan mit der Majdanrevolte. So war die russische Staatsmacht gezwungen, genau entgegengesetzt zu handeln und die Lenindenkmäler zu pflegen und zu restaurieren. Es ergab sich eine kuriose Situation: Lenin selbst wird als schädlicher Rebell und Zerstörer betrachtet, die Lenindenkmäler aber als Symbol imperialer Stabilität und Teil der konservativen Propaganda.

Man kann sich lange an den russischen Paradoxen rund um den Oktoberumsturz des Jahres 1917 ergötzen. Aber sind unsere eigenen Versuche, der bolschewistischen Vergangenheit davonzulaufen viel besser?

Ähnlich der russischen Propaganda spricht die ukrainische Geschichtsmythologie dem Bolschewismus seine natürlichen Wurzeln ab. In Russland wird die bolschewistische Revolution als unnormale Abweichung vom konservativen Kurs aufgefasst, als unnötige Episode zwischen dem Russischen und dem Sowjetischen Imperium. Bei uns aber wird der Bolschewismus ausschließlich als Frucht der Okkupation durch Moskau präsentiert, als etwas von außen Aufgezwungenes und dem ukrainischen Wesen zutiefst Fremdes.

Dieser Mythos ist nicht nur unhaltbar, sondern auch gefährlich für die heutige Ukraine. Je aktiver man sich gegen eine unbequeme Vergangenheit sträubt, desto schwerer wird es, die nötigen Schlüsse daraus zu ziehen. Im Nachkriegsösterreich etwa verbreitete sich so der Gedanke, die Österreicher seien lediglich Opfer der Hitlerschen Okkupation geworden, hätten keinerlei Beziehung zum Nazismus gehabt und auch nicht haben können. Ein halbes Jahrhundert später aber wandelte sich diese beruhigende Mythenbildung zum Triumph des freimütigen Neonazisten Jörg Haider.

Sturz des Lenindenkmals in Kiew

„Leninopad“ – Demonstranten holen am 8. Dezember 2013 das Kiewer Lenindenkmal vom Sockel
(Quelle: twitter.com/belamova)

Deshalb sollte man doch besser der Wahrheit ins Auge sehen. Der Bolschewismus fasste in der Ukraine nicht nur mit Hilfe Moskauer Bajonette Fuß. Der Aufstand der „Arsenal“-Arbeiter war nicht weniger bedeutsam als der Angriff der Murawjow-Armee und die Leninschen Losungen fanden tatsächlich ihren Widerhall in den ukrainischen Herzen.

Dabei können wir jetzt, nachdem wird selbst Revolution und Krieg überlebt haben, die Menschen jener Epoche leichter verstehen. Wir sind es gewohnt, die Bolschewisten für ihre Brutalität zu verfluchen, für die revolutionäre Gewalt und die erbarmungslose Abrechnung mit ihren Feinden. Aber die Ereignisse der letzten Jahre haben unser Verhältnis zur Gewalt verändert.

Wir wurden überzeugt, dass Brutalität im Namen eines guten Zwecks als gerechtfertigt erscheinen kann und Humanität als unangebracht, Mitleid mit dem Gegner gar als verbrecherisch. Und wir kennen die aufrichtige Freude, wenn sich der Feind, der unter Artilleriefeuer geraten ist oder im Aufzug in die Luft gejagt wurde, in eine blutige Masse verwandelt.

Wir sind es gewohnt, wegen ihrer Verachtung der Vergangenheit auf die Bolschewisten zu schimpfen, wegen der Vernichtung historischer Denkmäler und ihrer Ablehnung der alten Intelligenz. Aber jetzt wissen wir selbst, wie provokant die Spuren der Vergangenheit sein können und für welche Euphorie der Sturz der Denkmäler des alten Regimes sorgen kann.

Die revolutionäre Altersdiskriminierung liegt uns nicht fern, wenn Menschen der älteren Generation ihre gesamte Autorität verlieren und die von ihnen gesammelte Erfahrung zur Bürde für das neue Land wird. In diesem Sinne unterscheiden sich die von oben herabblickenden „Herrschaften“ nicht allzu sehr von den von oben herabblickenden „Sowjetmenschen“.

Wir sind es gewohnt, die Bolschewisten für das Anheizen des Klassenhasses zu verurteilen. Aber erinnern wir uns an unsere Reaktion auf die Ergebnisse der „E-deklarirowanije“ [der Offenlegung der Besitzverhältnisse von Staatsdienern]. Jetzt wissen wir, wie in einem Land im Kriegszustand der überflüssige und ungerechte Reichtum der regierenden Elite ankommt.

Wie sieht dieser unmoralische Überfluss vor dem Hintergrund des mühseligen Lebens der Soldaten in den Schützengräben und der Armut ihrer Familien im Hinterland aus? Die ukrainische Gesellschaft ist zutiefst empört und das ist nicht Neid, sondern das Gefühl einer verletzten Gerechtigkeit.

Vor 99 Jahren fühlten nicht nur Karikaturen nach Art Bellows [der Proletarierfigur in Michail Bulgakows „Hundeherz“] so, sondern auch eine Masse ehrlicher und intelligenter Menschen. Und heute sind die Ukrainer so nahe wie nie zuvor daran, ihrem Weg zu folgen.

Das heutige Russland, das die Sowjetunion preist, aber ihre revolutionäre Herkunft ablehnt, wird aus der Vergangenheit schon nichts mehr lernen. Die Ukraine, die keine Wiederholung der traurigen sowjetischen Erfahrung möchte, kann dies vermeiden. Dann aber dürfen wir nicht so tun, als ob uns diese abstoßende Vergangenheit von außen ohne jegliche inneren Voraussetzungen aufgezwungen wurde. Der siebte November ist nicht unser Feiertag, aber Teil unserer Geschichte und nur wenn wir diese als unsere anerkennen, können wir Lehren aus ihr ziehen.

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