Moskauer Strategen: Weißrussland ist kein Staat und die Ukraine muss erobert werden

Moskauer Strategen: Weißrussland ist kein Staat und die Ukraine muss erobert werden

Ein souveräner Staat kann seine außenpolitische Ausrichtung selbst bestimmen. Dass die russische Führung die Ukraine nicht als solchen betrachtet, hat sie in den vergangenen Jahren mit Taten bewiesen. Die zugrundeliegende Ideologie einer russischen Vorherrschaft über die Staaten der ehemaligen Sowjetunion würde ein Vertreter des Kreml aber natürlich nicht öffentlich ausformulieren. Zur Rechtfertigung werden lieber andere Narrative herangezogen, wie das vom nötigen Schutz der russischen Minderheit in der Ukraine. Ein Stratege in Diensten des russischen Staates löste jetzt Entrüstung bei Russlands westlichem Nachbarn aus, als er sich offenherzig darüber ausließ, wie er über das Konzept einer weißrussischen Nation denkt. Ein anderer „Experte“ breitete seine blutige Vorstellung einer „Lösung“ des Ukrainekonflikts aus.

Leonid Reschetnikow, scheidender Direktor des Russischen Instituts für strategische Studien

Leonid Reschetnikow, scheidender Direktor des Russischen Instituts für strategische Studien(Quelle: Wikimedia Commons / Kodru)

Das Russische Institut für strategische Studien (RISI) ist eine staatlich finanzierte Einrichtung, deren Hauptaufgabe es ist, der russischen Regierung und anderen staatlichen Stellen mit Rat und Expertise zur Seite zu stehen. Wenn sich Vertreter des RISI oder gar dessen Direktor zu einem außenpolitischen Thema zu Wort melden, so darf man wohl vermuten, dass die geäußerte Meinung auch in den Kreisen der politischen Führung Russlands anzutreffen ist. Leonid Reschetnikow, scheidender Direktor des Instituts, äußerte jetzt in einem bei Youtube veröffentlichten Video seine Besorgnis über Entwicklungen in Weißrussland. Es sei offensichtlich, dass an einer Trennung der Weißrussen von den Russen gearbeitet werde. Das alles verlaufe „nach dem ukrainischen Szenario“, wenn auch mit geringen Unterschieden. Angesichts der unüberbrückbaren Differenzen zwischen dem auf demokratische Werte pochenden Westen und dem Autokraten Lukaschenko mögen diese Befürchtungen Reschetnikows realitätsfremd wirken, skurril werden die Ausführungen des promovierten Historikers erst, als es um die weißrussische Sprache geht. Reschetnikow behauptet, im Jahr 1926 habe das ZK der Kommunistischen Partei einen Beschluss „Über die Schaffung der weißrussischen Sprache“ gefasst.

Verstehen Sie? 1926. Diese Sprache ist also 90 Jahre alt. Das ist die Bombe, die damals gelegt wurde. Und die ist jetzt explodiert. (…) Viele sind jetzt abgelenkt von Syrien und der Ukraine oder vom Wahlsieg Trumps und vergessen Weißrussland. Man darf aber nicht vergessen, dass dies ein historischer Teil Großrusslands ist, des riesigen Russland, Teil unserer Nation.

Was der Mann, der nebenbei auch Generalleutnant des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR ist, damit sagen will, ist klar: Die Weißrussen sind keine eigenständige Nation, Weißrussland folglich kein souveräner Staat. In Russlands westlichem Nachbarland sorgten diese Äußerungen naturgemäß für Empörung. Von Reschetnikows ominösem „Beschluss über die Schaffung der weißrussischen Sprache“ weiß man hier nichts. Journalisten der Zeitung Nascha Niwa, die erstmals 1906(!) in weißrussischer Sprache erschien, mutmaßten, Reschetnikow könne den Beschluss zu einer Konferenz über die Reform der weißrussischen Rechtschreibung gemeint haben.

Auch das offizielle Minsk blieb nicht still. Wenngleich die weißrussische Sprache unter Präsident Lukaschenko zugunsten des Russischen konsequent an den Rand gedrängt und der realen Gefahr des Aussterbens preisgegeben wurde, reagiert der Staat empfindlich, wenn er vom großen Bruder derart in Frage gestellt wird. Das Minsker Außenministerium bestellte einen Vertreter der russischen Botschaft ein, um offiziell seinen Protest zu übermitteln (Nascha Niwa). Die russischsprachige Zeitung Sowetskaja Belorussija, die als Sprachrohr Lukaschenkos gilt, nannte Reschetnikow einen „Dilettanten“ und „Schwätzer“. Den Gescholtenen scheint die weißrussische Reaktion jedoch nur noch weiter anzustacheln. In einer neuen Videobotschaft legt der 69-Jährige nach und wendet sich fast schon drohend direkt an die Weißrussen:

Weißrussland und Russland, das ist ein Land.(…) Wir sind ein Volk und uns zu trennen ist ein Verbrechen. Kommt zur Besinnung (…) Überspannt den Bogen nicht, wie sie ihn schon in der Ukraine überspannt haben. Ihr wollt nicht Stolz sein auf Dostojewski, Puschkin, wollt nicht Stolz sein auf Tolstoi, Mendelejew, die Helden von 1812, des 1. Weltkriegs, die Georgsritter? Ihr wollt nicht Stolz sein auf die Errungenschaften unserer Industrie? Worauf wollt Ihr denn Stolz sein? Auf polnischen Adel und litauische Fürsten? Wie kann es euch kränken, wenn ich sage, dass Weißrussland und die Ukraine Teile des großen Russlands, des tausendjährigen Russlands sind? Wie kann man sich denn davon lossagen, von der gemeinsamen Geschichte, den gemeinsamen Nöten, den gemeinsamen Helden? Ihr seid schon so weit in euren Nebel hineingewatet. Jeder normale Mensch in Russland denkt so wie ich. Aber bei euch geht die Tendenz zur Spaltung, zur Abkehr. Genau so fing es in der Ukraine an und mündete im Hass auf die Russen.

Mit seiner Einschätzung, dass „jeder normale Mensch in Russland“ so denkt, mag der Historiker übertreiben, aber das Gefühl, einen historischen Anspruch auf die einst zum Russischen Kaiserreich und dann zur Sowjetunion gehörenden Gebiete zu haben, ist in seinem Land und zumal in der politischen Führung weit verbreitet. Und wie man sieht hat dieser Anspruch nicht nur das Potenzial, zwischen der sich nach Westen orientierenden Ukraine und Moskau für Zwietracht zu sorgen, sondern auch unter den Autokratien des postsowjetischen Raums, die doch eigentlich die Ablehnung der liberalen westlichen Demokratie eint.

Den Ukrainern wurden in den letzten Jahren sämtliche Illusionen über ihren östlichen Nachbarn genommen. Inzwischen traut man ihm alle Ungeheuerlichkeiten zu. So hat vermutlich auch das, was jüngst ein Vertreter des Moskauer Staatlichen Institut für Internationale Beziehungen (MGIMO) über die weitere Entwicklung des Ukrainekonflikts äußerte, in Kiew nicht für Erstaunen gesorgt. Das MGIMO ist eine der Kaderschmieden der russischen politischen Elite. Michail Alexandrow bekleidet hier das Amt eines „Leitenden Experten“ am Zentrum für militärisch-politische Studien. In einem Video sprach sich der Doktor der Politologie jetzt für eine offene Militäroffensive gegen die Ukraine aus. Und zwar nicht nur in der Konfliktregion im Südosten.

Einen Bruch der Waffenruhe durch die Ukrainer solle man demnach als Vorwand nutzen, in vollem Umfang loszuschlagen. Auf dem Boden würden die Truppen der Separatisten vorrücken. Aus der Luft würden sie von der russischen Luftwaffe und russischen Raketensystemen unterstützt. Auf diese Weise könne man „die Gebiete Donezk, Lugansk und Charkiw erobern“. Parallel würden nach Vorstellung Alexandrows Aufstände in den südöstlichen Gebieten der Ukraine losbrechen, gegen die Kiew dann nichts unternehmen könnte, weil seine Kräfte an der Front gebunden wären. Eines der Ziele einer solchen Operation wäre ein Sturz der Kiewer „Bandera-Regierung“. Danach würden dann prorussische Kräfte das Land regieren – mit Unterstützung einer Miliz auf Grundlage der Separatistenarmee des Donbass (Gordon). Da die Fürsprecher einer an Moskau orientierten Ukraine durch Putins Kriegspolitik heute weitgehend marginalisiert sind, würde eine Umsetzung dieser Vision ein in der postsowjetischen Ukraine ungekanntes Maß an Repression erfordern – das Land würde gleichsam zum kleinrussischen Gulag.

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