Putins Pressekonferenz

Putins „Direkter Draht“: Auch kritische Zuschaueräußerungen nur inszeniert

„Diesmal war etwas anders.“ teasert Spiegel Online-Korrespondentin Christina Hebel im Lead ihres Artikels zu Putins jüngster TV-Sprechstunde. Anders war, wie der Leser im letzten Teil des Artikels erfährt, dass in diesem Jahr auch ungewohnt kritische Zuschaueräußerungen Teil der Sendung „Prjamaja Linija“ (dt. etwa „Direkter Draht“) waren. Das Publikum konnte per SMS Kommentare einsenden, die dann im Fernsehbild eingeblendet wurden – zumindest ist dies die offizielle Version der Geschichte. So Unerhörtes war dort zu lesen:

Wann treten Sie zurück?
Putin, glaubst du wirklich, dass das Volk dir diesen Zirkus mit inszenierten Fragen abnimmt?
Ganz Russland findet dass Sie an Ihrem Thron kleben.
Werden wir noch eine First Lady erleben?
Wann hören Sie auf, die Verfassung zu verletzen, die maximal zwei Amtszeiten vorsieht?
Stimmt es, dass Alexei Nawalny gerade einen neuen Film über Sie dreht?

Putins Pressekonferenz

Putin bei einer Pressekonferenz
(Quelle: www.kremlin.ru)

Manch ein Zuschauer dürfte verblüfft gewesen sein angesichts solch ungewohnter Toleranz. Es liegt aber nahe anzunehmen, dass damit ein ganz bestimmter Zweck verfolgt wurde, nämlich „den Eindruck der Inszenierung zu zerstreuen“, wie schon bei Spiegel Online zu lesen ist. Eine Recherche des russischen Dienstes der BBC kommt jetzt darüber hinaus zu dem Ergebnis, dass die Einblendungen selbst vollständig Teil der Inszenierung waren. Dem Zuschauer wurde vorgegaukelt, dass seine kritische SMS mit etwas Glück auf dem Fernsehschirm erscheinen könnte. In Wirklichkeit hatte eine solche SMS, die während der vierstündigen Sendung abgeschickt wurde, wohl keine Chance: Alle kritischen Äußerungen, die eingeblendet werden sollten, waren im Vorhinein mit der PR-Abteilung des Kreml abgestimmt worden. Dies erfuhren die BBC-Autoren von verschiedenen an der Produktion der Sendung beteiligten Mitarbeitern, die anonym bleiben wollen.

Putin kommentierte dagegen die Einblendungen, die auch im Studio zu sehen waren, mit den Worten

Das sind Fragen, die mit Sicherheit nicht vorbereitet wurden!

Sein Pressesprecher Dmitri Peskow behauptete gegenüber BBC:

Die Fragen wurden nicht gesiebt (…) Was reinkam, kam auf den Schirm – alles live.

Dass man sich entschieden hat, die Sendung auf diese Weise mit kritischen Äußerungen zu „garnieren“, verbinden Gesprächspartner der BBC-Autoren zum Teil mit den anstehenden Präsidentschaftswahlen. Der Politikwissenschaftler Konstantin Kalatschew meint, man habe einerseits den Eindruck vermitteln wollen, dass es Meinungsfreiheit gebe und sogar kritische Bürger bis zum Präsidenten vordringen dürften. Andererseits diente die eingeblendete Kritik zur Bekämpfung einer unweigerlich drohenden Langeweile:

Man braucht eine Dramaturgie, die es ermöglicht, dem schon im Vorhinein bekannten Wahlsieger eine hohe Wahlbeteiligung zu sichern. Der „Direkte Draht“ ist in diesem Sinne die Antwort auf die Gefahren, denen die Wahlkampagne ausgesetzt ist – und die Hauptgefahr ist, dass das Interesse an der Person des wichtigsten Kandidaten verloren geht.

Gewählt wird im März 2018. Es wird angenommen, dass Putin erneut antritt, erklärt hat er dies bis jetzt jedoch noch nicht. Entsprechenden Fragen beim „Direkten Draht“ wich er aus.

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